A+ R A-

Bergtour Wormser Hütte 2014

__________________________________________________________________________________________

Bericht: Rolf Hackenjos                     

_________________________________________________________________________________________

Antizyklisches Bergverhalten

Der Tischtennissport bezieht seine Faszination nicht nur aus Schnelligkeit, Konzentration und atemberaubender Ballakrobatik, sondern insbesondere auch aus lange gewachsener und tief verwurzelter Kameradschaft.

Um diesen wichtigen Aspekt des immer mehr in der Versenkung verschwindenden Vereinslebens nie aus den Augen zu verlieren, planen Jahr für Jahr einige männliche Vertreter der schmetternden Zunft des TV St. Georgen kurz vor Saisonstart eine Genusswanderung in den deutschen oder österreichischen Alpen.

Anno 2014 waren es derer 4 Sportkameraden, die am Samstag, 13. September in Richtung Schruns/Montafon abreisten.

Da die Prognosen diverser Online-Wetter-Portale eine Mischung aus „dichtem Nebel“ und „knapp am Wintereinbruch vorbei“ vorhersagten, wurde die Abfahrtszeit mit 8:00 Uhr so gewählt, dass eine Bestätigung der meteorologischen Prognosen a) nur die Hüttenanreise per Gondel möglich machte und b) die Hütte nicht zu früh erreicht würde, um die unvermeidliche Flüssigkeitszufuhr in Grenzen zu halten.

 

Die grobe Wochenendplanung sah im Vorfeld wie folgt aus:

  • 1. Tag:  irgendwie von Schruns ( 690 Höhenmeter ) zur Nächtigungsstätte Wormser Hütte ( 2.307 m ) gelangen
  • 2. Tag:  von der Wormser Hütte wieder zurück nach unten; bei entsprechender Motivation unter Einbeziehung eines Teilstücks des Wormser Höhenwegs,ansonsten schnurstraks per Hochjochbahn in 7 Minuten abwärts

 

Da männliche Tischtennisspieler zwischen 39-48 Jahren im Regelfall den  konditionellen Zenit  Ihrer Leistungsfähigkeit überschritten haben, musste bei sämtlichen Planungen berücksichtigt werden, dass 1.617 (!) Höhenmeter ganz schön kräftig auf die Pumpe gehen können. Für den Laien zum besseren Verständnis - 1.617 Höhenmeter entsprechen:

  • 522 mal von der Umkleidekabine der Rupertsberg-Spielstätte in die Halle hoch
  • 161 mal die Treppe vom 10-Meter-Sprungturm im Schwimmbad hochklettern
  • 57 mal vom Gasthaus „Frankfurt“ in die Stadt laufen
  • 2 mal das höchste Gebäude der Welt  in Dubai erklimmen
  • 1 mal die Eiger-Nordwand durchsteigen

Für die gewünschte, maximale Flexibilität, sich auch bei dramatisch verschlechternden, äußerlichen Bedingungen nicht allzu arg quälen zu müssen, sorgte die beruhigende ( und irgendwie auch belastende ) Tatsache, dass einem während des kompletten Anstiegs permanent faule Tagestouristen aus einer Gondel oder einem Sessellift zuwinken. Für uns bedeutete dies ein Füllhorn an Abkürzungsmöglichkeiten mit folgenden Ein-/ Zustiegsvarianten:

  •    690 Meter: Talstation Hochjochbahn /  Schruns
  • 1.335 Meter: Mittelstation Hochjochbahn / Kropfen
  • 1.873 Meter: Kappelalpe ( letzte Chance ) / von dort Sessellift zum Sennigrat ( 2.255 Meter )

Zur Erinnerung: Wormser Hütte: 2.307 Meter

 

War bis einen Tag vor Start der (Tor-)Tour in Anbetracht der Wettervorhersage noch die einhellige Meinung verbreitet, man sollte doch per Bahn nach oben schweben, dort einen gemütlichen Hüttenabend verbringen und am Sonntag wieder per Bahn auf dem gleichen Weg ins Tal zurückkehren, packte die künftigen Weggefährten während der Hinfahrt allmählich doch der Ehrgeiz verbunden mit der Lust nach einem längeren Fußmarsch.

Dies natürlich auch aufgrund der Tatsache, wonach einer Herrenmannschaft der Tischtennisabteilung schon seit Ewigkeiten kein Aufstieg mehr gelang.  Als dann kurz nach dem Pfänder der Nieselregen aufhörte und sogar die eine oder andere blaue Stelle im Himmel zu sichten war, gab es kein Zögern mehr: hier war die einmalige Chance gegeben, endlich wieder mal aufzusteigen!

Bevor jedoch der erste Schritt getan wurde, gab es noch Grund zum Kopfschütteln über die örtlichen Park-Gegebenheiten: die maximale Parkdauer des Hochjochbahn-Parkplatzes beträgt 18:00 Uhr des aktuellen Tages. Verlängern bis zum Folgetag oder darüber hinaus ist gänzlich ausgeschlossen. Für Zuwiderhandlungen, sprich: parken ohne gültiges Ticket, werden Ordnungsstrafen von 50,00 € ausgesprochen. Das muss man sich mal vorstellen: da gondelt die Hochjochbahn in traumhafte Wanderregionen hinauf, wo man problemlos die tollsten Mehrtagestouren von Hütte zu Hütte starten kann und erhält am Ende – wenn´s dumm läuft - als Dank dafür, dass man den Tourismus-Verbund Schruns unterstützt, ein Knöllchen über 50,00 € - unglaublich. Wir gingen das Risiko auf jeden Fall ein – und kamen glücklicherweise ohne Überweisungsbeleg an der Windschutzscheibe davon.

 

Dann war es aber gegen 11:15 Uhr endlich so weit: der erste von einigen vielen Schritten  war zu tun. Die allgemeine Wetterlage lies keine richtigen Schlüsse zu, wohin die Reise gehen wird; an Gondel war aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken. Die frische Bergluft sorgte für genügend Endorphine mit Drang nach oben.

Schon schnell, so wirklich schnell, lies sich erahnen, dass es von Anfang an ordentlich steil zur Sache ging. Glücklicherweise waren die Regionen über uns den ganzen Tag Wolken-verhangen, denn hätten wir gesehen, welch unfassbare Strecke vor uns liegt ( am nächsten Tag stellten wir nämlich fest, dass die Hütte von unten aus – und natürlich umgekehrt auch – als Mini-Kästchen ganz in der Ferne zu sehen ist ), wäre der Optimismus wahrscheinlich schlagartig in den Keller gestürzt.  So aber freuten wir uns über die halbwegs trockenen Bedingungen, störten uns überhaupt nicht an den vielen Wolken- und Nebelfeldern und schwitzten und schlurften keuchend vor uns hin.

Beim ersten Höhenmeter-Schild nach ca. 40 Minuten hatten wir dann niedliche 290 Meter geschafft; JUHU - nur noch 1.327! Sämtliche Kleidungsstücke waren zu diesem Zeitpunkt aber schon derart versaftet, dass einsetzender Regen ( der aber nicht kam ) wohl zu keiner gravierenden Vernässung im Vergleich zum Ist-Zustand geführt hätte. Uns war es mittlerweile völlig schnurz, ob Sonne oder Wolken, ob Regen oder trocken, ob winkende Gondelfahrer oder blöd guckende Almkühe; das Ziel lautete ohne Kompromisse: Aufstieg ohne technische Hilfsmittel.

Der Weg führte über fast senkrechte Waldpfade und Skipisten, mal matschig, mal glitschig, die Gespräche wurden rarer, die Pausen häufiger, die Endorphine waren definitiv herausgeschwitzt. Auf Höhe der Kapellalpe ( nach bereits über 1.000 Höhenmetern ) gab es schließlich die letzte Entscheidung: trotz immer dichter werdenden Nebels und nicht verkennbaren Ermüdungserscheinungen wurde auch die letzte Bergbahn ignoriert und ein ganz wichtiger Bergwander-Grundsatz über den Haufen geschmissen. Dieser lautet: „Kein Alkohol, bevor das Ziel erreicht ist“.

 

Die Sonnenterasse der Kappelalpe war einfach zu verlockend, die Sehnsucht nach einer wohlschmeckenden Flüssigkeit für den trockenen Rachenbereich zu stark. Das einfach göttlich wohlschmeckende Radler sollte finale Kräfte mobilisieren:

 

Das war letztlich auch nötig, denn die abschließenden 430 Höhenmeter waren einfach nur noch zäh. „Warum tun sich Menschen freiwillig so etwas an?“ waren zwangsläufig Fragen, die bei jedem einzelnen Schritt ins Bewusstsein traten. Die Antwort darauf eröffnete sich uns um ca. 16:30 Uhr, als aus dichtesten Nebelschwaden plötzlich die Umrisse eines wunderschönen Bauwerks auftauchten.

Ohne hier allzu pathetisch zu werden: die Sekunden/Minuten, in welchen nach 1.617 Höhenmetern qualvollem Aufstieg die Hütte erscheint, die Bergschuhe ausgezogen sind, man sich in der warmen Gaststube an den Kachelofen setzt und als krönenden Abschluss ein frisch gezapftes Hefeweizen vom Fass an den Mund führt – diese Momente gehören zum Großartigsten, was einem Menschen in seinem Leben widerfahren kann.

 

Wie durch Wunderhand geheilt, fühlten sich die Knochen auch gleich viel besser an, als noch vor wenigen Minuten. Und hat sich dann diese tiefe, innere Zufriedenheit breit gemacht,  möchte man am liebsten die ganze Welt umarmen. Doch halt – nicht in diesem Zustand. Der Blick auf die verdreckten Klamotten + der Duft aus den Achselhöhlen bringt die Realität wieder nüchtern zurück: jetzt ist erstmal Beautifulisierung angesagt. Im Gegensatz zu 1982, als ich meine ersten bergsteigerischen Gehversuche tätigte, können die heutigen Alpenvereinshütten durchaus als Wellness-Tempel mit Top-Gastronomie bezeichnet werden. Ordentliche Duschen mit heißem Wasser gehören auf der Wormser Hütte genau so zum Interieur, wie seit Neuestem sogar eine Sauna (!). Da wir uns aber zwischenzeitlich den Platz am heißen Kachelofen für den Rest des Abends gesichert hatten, konnten wir problemlos auf die Sauna verzichten.

Frisch geduscht im angenehmen Schlabber-Look folgten in den verbleibenden Abendstunden viele, leckere Hefe-Weizen, ebenso leckere Semmelknödel mit Gulasch, sowie dies und das, was Herz und der Darm begehrt. Auf die Schilderung der unzähligen Jule-Matches ( welche auf der Hütte einfach Pflicht sind ) wird an dieser Stelle bewusst verzichtet, da unser Abteilungs-Vorstand mit Sicherheit nicht gerne an diese bitteren Stunden erinnert werden möchte.

Im schnuckligen, kleinen 4-er-Zimmer legten die Akteure pünktlich kurz nach 22:00 Uhr ihre geschundenen Körper in die dafür vorgesehenen Betten nieder und lauschten trotz üppiger Müdigkeit viel zu lange noch der sehr unterschiedlichen Nasen-/Mund-Geräusche ihrer Mitstreiter.

Gegen 6:00 Uhr regten sich die ersten Gliedmaßen unter den Decken, weil die vollen Harnblasen taten uns wecken. Der erste Blick aus dem Fenster: UNFASSBAR!! Als sei die Welt über Nacht neu entstanden, strahlte eine traumhafte Bergkulisse ins Fenster herein. Keine Wolke weit und breit, Stille überall, was störte, waren die schnarchenden Kameraden hinter einem. Schon hier war klar: dies wird ein richtig toller Tag.

Und das wurde er: nach einem reichhaltigen, wohlschmeckenden Frühstück wollten drei von vier Kameraden noch ein kleines Gipfelchen ( Kreuzjoch ) besteigen, während Dunder Fries diese Zeit nutze, verzweifelt nach irgendwelchem Geocaching-Gedöns zu suchen.

Trotz des überragenden Wetters war sich die Wandertruppe einstimmig einig: gewandert wurde gestern genug; heute heißt es: GENIESSEN. Sprich: Mini-Route durch eine zu Gunsten der Skifahrer furchtbar vergewaltigten Natur zur Kappelalpe zurück ( 430 Höhenmeter; ca. 1,5 Stunden ) und von dort aus mit der Hochjochbahn zum Auto.

Wer sich jetzt fragt: wie antizyklisch ist das denn? „Bei schlechtem Wetter wandern, bei schönem Wetter nicht wandern“, dem sei gesagt, dass zu einem erfolgreichen Bergwochenende logischerweise auch eine Partie Fußballgolf in Opfenbach und ein Biergarten-Besuch mit Schweinekrustenbraten dazu gehört –  bei drei Stunden Fahrtzeit zurück in den Schwarzwald bleibt da nicht mehr viel Zeit zum wandern.

Fußballgolf ist, wie es der Name schon vermuten lässt, eine Mischung aus kicken und einlochen. Anstatt mit Schläger und kleinem Hartgummiball, wie man es üblicherweise kennt, halt mit eigenem Fuß + Lederfußball. Die Tücken lauern in Form von im Weg stehenden Zäunen, Bächen, Metallstangen und insbesondere von ( kaum erkennbaren ) Bodenunebenheiten. Der Modus: wer bei den 18 Bahnen mit 9 Schüssen nicht einlocht, kriegt jeweils eine 10 berechnet; die beiden Verlierer zahlen den beiden Gewinnern ein Bier.

Zusammengefasst: es wurde wenig hochklassig, aber dafür hochdramatisch. Drei Bahnen vor

Schluss schien schon eine Vorentscheidung zu Gunsten des Ex-Präsis gefallen; das Klassement stellte sich wie folgt dar:

  1. Michael Hess – 72 Punkte
  2. Stephan Fries – 78 Punkte
  3. Rolf Hackenjos – 81 Punkte
  4. Stephan Losch – 83 Punkte

Doch wer die 3. und 4.-Platzierten kennt, weis: die kämpfen bis zum umfallen. Eine taktische Meisterleistung der beiden führte auch prompt zum Erfolg: ab Bahn 16 wechselten Nops und Hacke-Paul auf die Spitzkick-Technik und holten mächtig auf. Nach 17 Bahnen gab es den erhofften Führungswechsel:

  1. Hackenjos – 86 Punkte
  2. Fries – 86 Punkte
  3. Hess – 90 Punkte
  4. Losch – 93 Punkte

Loch 18 war dann an Spannung nicht mehr zu überbieten – Rolf startete mit einer 5

( insgesamt also 91 ), was ihm schon mal die beruhigende Gewissheit brachte, ein Gratis-Bier gewonnen zu haben, da Bahn 18 rein logisch betrachtet unmöglich mit einer 1 absolviert werden kann.

Als zweiter kickte Micha, dessen 6 ( insgesamt 96 ) gar nicht mal so schlecht war und bei den ausstehenden Kontrahenten für Druck sorgte. Nun folgte Nobs, der somit eine 3 brauchte, um mit Micha gleichzuziehen. Ganz ehrlich: fast nicht zu schaffen, Micha hatte bereits ein Grinsen im Gesicht. Nops verkackte den ersten Schuß, ging nochmal in sich und überwand mit einem hervorragenden Versuch das wahrlich schwierige Hindernis in Form einer schmalen Plastikröhre, die aufwärts in einen Betonkegel mündete. Zwischenstand Nops: 95; nur blöd, dass ein ewig langer Patt ( ca. 5 Meter )  mit Löchern und Hügeln zwischendrin zu bewältigen war. Nops wäre aber nicht Nops, wenn er dieser Aufgabe nicht gewachsen wäre. Zum Leidwesen von Micha kullerte der präzise Spitzkick tatsächlich ins Loch – Gleichstand.

Fries, der die Geschehnisse mit nach unten geformtem Mundwinkel mürrisch verfolgte, war psychisch mittlerweile derart angeschlagen, dass er zwangsläufig die zu erwartende 10 spielte; Endstand: 3x 96. Das erforderliche Stechen ums zweite Bier ( Wiederholung der Bahnen 1-3 ) spiegelte die Tendenzen der letzten Bahnen 1:1 wieder: Nops wurde 2., Micha 3. und Dunder 4. Respekt Nops – immer wieder ein Phänomen!

Mit viel Hunger und Durst ging es schließlich zum letzten Etappenziel: Brauereigasthof Meckatzer in Meckatz. Gediegene Atmosphäre mit naturtrübem Kellerbier und Schweinekrustenbraten; ein würdiger Abschluss zweier großartiger Tage. Vereinsleben kann so schön sein………….